Des einen Leid, des anderen Freud: Als im Juni 2025 bunkerbrechende Bomben auf iranische Nuklearanlagen in Natanz und Isfahan fielen, als im Jänner 2026 Venezuelas Staatschef Maduro gefangen genommen wurde und schließlich wenig später im März die ersten Raffinerien in Teheran brannten und der Ajatollah seinen letzten Atemzug nahm, bewegten sich die Kontostände einer Handvoll Leute in höchst befriedigender Weise nach oben. Millionen von Dollar wechselten innerhalb weniger Sekunden die Seiten. Verdient durch das Klicken auf ein paar Buttons und das Wetten auf das richtige weltpolitische Ereignis.

„Betting on anything“ lautet der vielsagende Werbeslogan von Kalshi, einem der Platzhirsche im Wilden Westen sogenannter Prediction Markets oder Prognosemärkte. Diese sind der letzte Schrei beim Gamblen – wobei Plattformen wie Kalshi (89 Prozent Marktanteil an US-amerikanischen Prognosemärkten), Polymarket (sieben Prozent) und Crypto.com (vier Prozent) Wert darauf legen, nicht dem Glücksspielmarkt zugerechnet zu werden. Doch dazu später mehr.

Erst einmal zum Grundsätzlichen: In Prognosemärkten können Wetten jeglicher Art abgeschlossen werden: Wird es morgen in Ortschaft A oder B regnen? Werden in Donald Trumps nächster Rede die Worte „great“, „incredible“ oder „we’re winning so big” vorkommen und wen wird er als Nächstes beleidigen? Wann genau startet die Invasion in Kuba?

Schnelles Wachstum

Wetten kann jeder, der über 18 Jahre alt ist. Entweder beteiligt man sich an bestehenden Wetten oder eröffnet seine eigene – so kann jeder Wettmärkte gründen, sofern sich Menschen finden, die am Thema interessiert sind und so die Preise in die Höhe treiben. Die Wahrscheinlichkeit des Gewinns bestimmt dabei den Preis. User handeln „Ja/Nein-Verträge“. Wenn die prognostizierte Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Events bei 60 Prozent liegt, kostet der Wetteinsatz 60 Cent. Gewinnt man, bekommt man einen Dollar und macht damit 40 Cent Gewinn. Gleichzeitig hat man die Eintrittswahrscheinlichkeit verändert. Der Nächste bekommt dadurch für seinen Dollar weniger. Je unwahrscheinlicher ein Ergebnis, desto höher der mögliche Gewinn, aber auch das Risiko: 70 Prozent aller User machten in den vergangenen sechs Monaten keinerlei Gewinn.

Die Beliebtheit der Plattformen steigt rasant: Innerhalb von nur sechs Monaten verdreifachte sich das Wettaufkommen. 178 Milliarden Dollar sollen in nur einem Jahr über Kalshi verwettet werden. Monatlich finden sich zwei Millionen User auf Kalshi, den wöchentlichen (!) Volumsanstieg getätigter Wetten auf der Plattform bezifferte die Bank of America kürzlich mit vier Prozent.

Was macht den Reiz aus, solche Wetten zu platzieren? Was unterscheidet Prognosemärkte vom Glücksspiel? Stimmt es, dass Insiderhandel mehr Feature als Bug des Systems ist? Und wie sieht die österreichische Perspektive aus?

Wetten, dass es bergauf geht?

Dass Prediction Markets durch die Decke gehen, habe mit dem amerikanischen Mindset zu tun, sagt der renommierte US-Ökonom David Bieri in einem Gespräch mit der Hochschule Virginia Tech: Reich sein ist Leistung an sich.

Bieri macht zwei konkrete Gründe für den rasanten Anstieg der Wetteinsätze aus. Erstens: „Die Hemmschwelle für die Teilnahme an riskanten Aktivitäten ist gesunken. Früher konnte man so etwas nur im Verborgenen tun, konnte dafür umgebracht werden. Jetzt kann das jeder machen.“ Und: Es steht dabei einfach nichts auf dem Spiel. Man muss sich nicht in Aktien einlesen, man besitzt keine Teile eines Unternehmens, man ist in nichts investiert, außer in eine Wette, bei der man auf das eigene Bauchgefühl hört. Und genau da sieht Bieri das Problem.

Wenn die Wettkönige keinerlei Verbindung mehr zu jener Sache haben, auf die sie wetten, werden die Wetten einerseits schnell hässlich (dieselben Menschen wetten auf den Ausgang eines Baseballspiels und auf den konkreten Zeitpunkt der Zerstörung einer ukrainischen Metropole durch das russische Militär), und andererseits haben die Plattformen selbst keinerlei Anreiz, Insidertrading zu verhindern. Insidertrades, die meist durch extrem kurzfristig platzierte Wetten mit hohen Gewinn-, aber auch Verlustmargen gekennzeichnet sind, verleiten auch andere Spieler zu hohen Einsätzen ihrerseits. Daran verdienen die Plattformen, die bei jeder einzelnen Wette einen kleinen Teil als Nutzungsgebühren einbehalten.

Ich weiß, ich weiß …

Erinnern wir uns an die hohen Gewinne, die mit Mord und Totschlag verdient wurden: Rund 32.000 Dollar setzte ein Spieler auf den exakten Tag der Gefangennahme Maduros. Das Ergebnis war eine halbe Million Dollar Gewinn. Als nur wenig später auf der anderen Seite des Erdballs der Iran-Krieg begann, verdiente sich Polymarket-User „Magamyman“ (lies: MAGA – Make America Great Again – My Man) eine goldene Nase, indem er 553.000 Dollar einstreifte. Er hatte darauf gesetzt, wann die USA und Israel den Iran genau bombardieren würden. Den Fällen gemein ist, dass die Profile erst kurz vor den Ereignissen erstellt und keine Folgewetten getätigt wurden. Das legt Insiderhandel mit militärisch brisanten Informationen nahe. Im Fall der Maduro-Wette kam es bereits zur ersten Anklage, auch die Profiteure der Militärschläge im Iran im Juni 2025 wurden bereits vor Gericht zitiert.

Bereichern sich also Menschen aus Trumps nächstem Umfeld an klassifizierten Informationen der US-Regierung? Und hat Donald Trump Juniors Rolle als Berater beider Plattformen und Investor bei Kalshi etwas mit den weicher werdenden Gesetzen gegenüber dieser Form des Glücksspiels zu tun?

Bei Polymarket will der 28-jährige CEO Shayne Coplan das Insiderproblem nicht als solches werten. Er betrachtet das Ausplaudern von Militärgeheimnissen zur Maximierung des eigenen Profits als Chance und sieht es als Demokratisierung des Informationsflusses. Schließlich hätte ja nicht nur seine Plattform etwas davon, die im Übrigen in den USA verboten ist und von amerikanischen Nutzern daher über VPN-Zugänge genutzt wird. Nein – Coplan bezeichnet Polymarket in einem Interview als das „wichtigste Informationsinstrument unserer Zeit“. Doch die Plattformen können viel mehr, ist Tarek Mansour, Mitgründer des Marktführers Kalshi, überzeugt. Mansour sieht sie als Vehikel zur Absicherung (Hedging) gegen ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen. Sollten etwa US-Studenten ihre horrenden Studienkredite nicht nachgelassen werden, könnten sich diese durch das Wetten darauf schadlos halten. Wogegen sich User absichern, die auf die nächste Trump’sche Schimpftirade wetten, bleibt unklar.

Glücksspiel oder nicht?

Wie nur können solche Geschäftsmodelle erlaubt sein? In den USA ist Glücksspiel streng reguliert. Kalshi besteht daher darauf, nicht im Glücksspielbereich tätig zu sein. Stattdessen würden Verträge auf Kalshi Unsicherheiten messen, sagt das Unternehmen – ähnlich, wie Händler über das Handeln von als „Futures“ bezeichneten Termingeschäften Öl oder Gold absichern –, und damit als Finanzinstrument gelten. Zudem spiele man bei Glücksspiel immer gegen das Haus oder einen Buchmacher, was bei Kalshi nicht der Fall ist – dort spielen Wettfreudige gegeneinander. Kalshi streift pro Wette lediglich eine Art Plattformgebühr ein und verdient offiziell somit nicht am Verlust der Spieler. Die US-Bundesbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) stimmte dieser Argumentation 2020 zu und erteilte Kalshi eine Lizenz. Seit Kalshi 2023 eben jene CFTC geklagt hat, sind auch Wetten auf politische Ereignisse erlaubt.

Ein Geldsegen für Kalshi

Oliver Peschel kann dieser Argumentation wenig abgewinnen. Der Wiener Anwalt ist auf Glücksspiel spezialisiert und zweifelt aufgrund der Art der getätigten Wetten daran, es mit etwas anderem als Glücksspiel oder zumindest Gesellschaftswetten zu tun zu haben: „Beim Glücksspiel ist das Ergebnis hauptsächlich oder überwiegend vom Zufall abhängig. Bei einer Gesellschaftswette spielen auch Geschick und Wissen eine Rolle, wodurch ich mir einen Vorteil verschaffen kann.“ Laufende Wetten auf Kalshi (Außentemperatur zum Stichtag X, Anzahl der Tornados im Juni) und das riesige Sportwettenvolumen (80 bis 90 Prozent aller Verträge auf Kalshi sind Sportwetten) legen nahe: „Das sieht bei manchen ‚Wetten‘ nach unlizenziertem Glücksspiel aus. Und hier kann es potenziell zu hohen Rückforderungen von Spielern kommen“, so Peschel.

Verboten, aber straffrei

Obwohl Kalshi und Polymarket nach dem österreichischen Glücksspielgesetz nicht reguliert sind, droht österreichischen Spielern laut Anwalt Peschel keine Strafe. „Im Normalfall werden Betreiber von illegalem Glücksspiel belangt, nicht aber Privatpersonen, die darauf spielen.“ Die Gefahr sieht Peschel aber ohnehin anders gelagert. Da bereits geringe Wetteinsätze getätigt werden können, bergen Kalshi und Co ein hohes Suchtpotenzial: „Hier sollte vor allem der Jugendschutz im Mittelpunkt stehen, damit sich nicht schon 18-Jährige verspekulieren.“ Eine 2026 erschienene Studie gibt an, dass sich mehr als 50 Prozent aller über 16-Jährigen und immerhin 32 Prozent aller Elfährigen in den USA im vergangenen Jahr an Gambling beteiligt hätten. Polymarket und Kalshi verlangen bei der Profilerstellung die Vorlegung eines Ausweises wie Führerschein oder Reisepass. Zudem gab Kalshi im Mai 2026 bekannt, den Jugendschutz mit weiteren Verifizierungsmethoden wie Gesichtserkennung auszuweiten. In Österreich steht demnächst eine Reform des Glücksspielgesetzes an. Ob die Entwicklungen der Prognosemärkte da schon mitgedacht werden, ist zurzeit fraglich. Vielleicht lässt sich ja auf Kalshi darauf wetten.

Was sind Prediction Markets?

Märkte, auf denen auf alles gewettet werden kann, was Menschen interessiert. Von der nächsten Präsidentenwahl in den USA bis zur Höchsttemperatur in der Antarktis.

Wer sind die größten Player?

Kalshi und Polymarket.

Ist es legal, auf diesen Plattformen zu wetten?

In Österreich nicht. In den USA hat Kalshi eine Lizenz als Finanzplattform für sogenannte „Futures“, nicht aber als Glücksspielplattform. Polymarket ist auch in den USA verboten.

Warum reden alle darüber?

Bad Press bekamen Kalshi und Polymarket wegen augenscheinlicher Insidertrades. Zudem stieg die Bewertung von Kalshi von zwei Milliarden US-Dollar (Juni 2025) auf 22 Milliarden US-Dollar (März 2026) in unter einem Jahr. Große Medienhäuser, darunter CNN, CNBC oder das Wallstreet Journal, behandeln Wetten auf Kalshi wie seriöse Umfragen, was weiter Traction erzeugt.

Wer investiert in Kalshi?

Sequoia, Andreessen Horowitz, Meritech Capital, IVP, ARK Invest, Anthos Capital, CapitalG, and Y Combinator.

Was waren die größten Wettsummen bisher?

Auf die US-Wahl 2024 wurden allein auf Polymarket 3,3 Milliarden US-Dollar gewettet – das ist mehr, als beide Kandidaten an Wahlkampfspenden (ca. 2,5 Milliarden US-Dollar) einsammeln konnten.

Was waren die schrägsten Wetten?

Preisänderungen von Hotdogs bei Costco, der genaue Todeszeitpunkt von Ajatollah Khamenei, die Rückkehr von Jesus 2026 (Ende April glaubten das immerhin vier Prozent), die Bestätigung der Existenz außerirdischen Lebens bis 2027 (18 Prozent wetten gutes Geld drauf).