Kriege, Inflation, steigende Ölpreise – die Weltwirtschaft ist noch immer (oder schon wieder) unter Druck. Und dennoch scheint heuer ein wichtiges Jahr für Börsengänge zu werden. Vor allem aus dem Technologiesektor drängt eine Reihe hochkarätiger Namen aufs Parkett. Aber der Reihe nach: Schon 2025 ist das globale Emissionsvolumen laut dem internationalen Consulting-Riesen EY gestiegen. Heuer soll es weiter aufwärtsgehen, zumindest hinsichtlich der Volumina: Zwar ist die Zahl der Transaktionen im ersten Quartal 2026 gesunken, das Emissionsvolumen aber nahm deutlich zu. Allein die Strahlkraft der Technofirmen, die mit einem IPO ihr Wachstum finanzieren wollen, sollte jetzt neuerlich für einen gewissen Schwung sorgen: SpaceX, OpenAI, Anthropic und Bitpanda lassen nicht nur die Augen von Technologiebegeisterten funkeln.

Bewertungsfragen

Wenn es um Technologieriesen geht, spielt Europa bestenfalls die zweite Geige, das eigentliche Geschehen findet in den USA und in Asien statt. Hier sind zunächst die beiden KI-Schwergewichte OpenAI und Anthropic zu nennen, die zumindest in puncto Aufmerksamkeit ganz oben stehen. OpenAI, das mit ChatGPT den KI-Boom entfachte, strebt eine stolze Bewertung von bis zu 800 Milliarden US-Dollar an. Ganz fix ist der IPO aber noch nicht. Konkurrent Anthropic peilt gar 900 Milliarden an. Hier wird sich die Frage stellen, wie Analysten den Hype tatsächlich einschätzen und ob sich mit Language-KI langfristig valide Einnahmen erzielen lassen können. Ein Bangen und Hoffen, das gerade in den ersten Monaten nach dem Börsengang ein Auf und Ab der Kurse erwarten lässt. Warum trotz der nicht gerade imagefördernden Volatilität die öffentlichen Handelsplätze angesteuert werden, ist leicht erklärt: Im Technologiebereich ist der Finanzbedarf enorm, wenn künstliche Intelligenz ins Spiel kommt, wird er sogar gigantisch.

Billionen-Bewertung

Deshalb werden auch die Bewertungen in die Höhe getrieben. Wobei freilich niemand so hoch hinaus will wie – erraten! – Elon Musk: Für sein Raumfahrtunternehmen SpaceX strebt der Kumpel von US-Präsident Donald Trump eine Bewertung von mindestens 1,5 Billionen US-Dollar an, der Emissionserlös sollte mehr als 30 Milliarden Dollar betragen – das wäre der größte Börsengang der Geschichte. Musks KI-Entwickler xAI wurde jedenfalls schon mal übernommen, was die Sache für nüchterne Einschätzungen schwieriger macht.

Größe gefragt

Der IPO-Markt 2026 ist klar selektiv, insbesondere im Tech-Sektor, meint Martina Geisler, Partner und Leiterin IPO bei EY Österreich. „Investoren fokussieren sich auf Unternehmen mit robusten, skalierbaren Geschäftsmodellen, die bereits vor dem Börsengang eine kritische Größe und belastbare Erfolgsbilanz vorweisen können.“ Das erkläre auch, warum kleinere IPOs weltweit deutlich zurückgegangen sind, während das Emissionsvolumen trotz geringerer Dealanzahl gestiegen ist. Das sieht Alfred Kober, Vorstand und CIO der Security KAG, Teil der Grawe-Gruppe, ähnlich. Bei Tech-IPOs reicht technologisches Momentum allein oft nicht mehr aus, warnt er: „Investoren achten immer stärker darauf, ob Unternehmen nachhaltige Wettbewerbsvorteile und wirtschaftlich belastbare Geschäftsmodelle vorweisen können.“ Entscheidend seien proprietäre Technologie, Skalierbarkeit, Kundenbindung und die Fähigkeit, aus Wachstum langfristig Cashflows zu generieren. Besonders relevant sieht er diese Vorgaben für Unternehmen rund um KI und Ausrüster wie Datencenter, Halbleiter etc. In diesem Bereich herrscht seiner Meinung nach jedoch eine Euphorie, die teilweise an frühere Technologiezyklen erinnert. „Viele Bewertungen spiegeln bereits sehr ambitionierte Zukunftserwartungen wider, obwohl die langfristigen Marktstrukturen und die Gewinner dieser
Entwicklung noch keineswegs final erkennbar sind.“ Gerade deshalb rücke die Differenzierung zwischen technologischer Substanz und bloßer Narrative heutzutage stärker in den Vordergrund.

Alfred Kober, Vorstand Security KAG: „Die Wiener Börse ist ein stabiler, aber kein internationaler Hotspot für Tech-IPOs.“
Alfred Kober, Vorstand Security KAG: „Die Wiener Börse ist ein stabiler, aber kein internationaler Hotspot für Tech-IPOs.“ www.juliahirtzberger.com

Europa wartet ab

Aus dem im Vergleich weniger revolutionären Finanzsektor könnten ebenfalls spannende IPOs folgen – wobei das so gar nicht stimmt: Schließlich sind die digitale Bank Revolut und die Krypto-Handelsplattform Bitpanda gerade drauf und dran, etablierten Anbietern den Rang abzulaufen oder es zumindest zu versuchen. Revolut könnte in London und New York an die Börse, für eine Bewertung wird wichtig sein, ob und wie sich regulatorische Hürden auswirken könnten. Und der Wiener Krypto-Spezialist Bitpanda könnte in Frankfurt an die Börse – trotz der kurzzeitigen Einbrüche bei Bitcoin & Co.

Wie sieht es generell mit europäischen IPOs aus? Es gibt zwar eine umfangreiche Pipeline, aber Hauruckaktionen sind nicht so das Ding der europäischen Börsen und Anleger. Man wartet lieber auf ein passendes Marktfenster. Und in Wien? Martina Geisler: „Größere lokale Sichtbarkeit in kleineren Listings und die mögliche Aufnahme in den Leitindex könnten für ein Listing an der Wiener Börse sprechen.“ Alfred Kober ergänzt: „Die Wiener Börse ist ein stabiler, aber kein internationaler Hotspot für Tech-IPOs. Es fehlt an Aufmerksamkeit, Marktgröße und an einer breiten Technologie-Investorenbasis.“ Doch für profitable, mittelständische Unternehmen mit klarer industrieller Verankerung sei Wien durchaus ein sinnvoller Kapitalmarkt. Es zeigt sich jedenfalls ein Trend zu Heimatlistings: Mehr als 90 Prozent der europäische IPOs werden an der lokalen Börse umgesetzt. „Für viele Emittenten bietet ein lokales Listing den Vorteil einer besseren Investorenverankerung, höhere Visibilität bei heimischen Kapitalmarktteilnehmern, ein lokal verankertes Netzwerk und bekannte Rechts- und Kulturrahmen“, sagt Geisler.

Wie sollten Anleger auf die Auswahl an neuen Werten reagieren? Die Statistik mahnt zur Zurückhaltung: Oftmals folgen raschen Kursanstiegen nach einem IPO längere Phasen der Ernüchterung. Für Martina Geisler ist weniger die Frage der Größe entscheidend, sondern ob ein Unternehmen überhaupt börsenreif ist. „Erfolgreiche Mid- und Small-Cap-IPOs zeichnen sich durch eine klar formulierte Equity-Story, nachvollziehbaren Wachstumspfad und belastbare Profitabilitätslogik aus.“ Auch ein robuster Financial Track-Record sei ein Faktor; Investoren erwarten unter anderem transparente Finanzzahlen und überzeugende Cash- Conversion. „Gleichzeitig rücken Governance-Strukturen und Internal-Control-Systeme stärker in den Fokus – insbesondere bei erstmaligen Kapitalmarkttransaktionen.“

Auch Wien Wächst

FIT Group will an die Wiener Börse

Die deutsche FIT Group AG strebt heuer ihr IPO im Direct-Market-Plus-Segment der Wiener Börse an. Das Unternehmen, das Nahrungsergänzungs- und Health-Produkte wie Massagegeräte vertreibt, wurde 2020 gegründet und hat sich im stationären Einzelhandel im DACH-Raum – unter anderem bei Rewe und MediaMarkt – bereits etabliert. Doch vor allem im Onlinemarketing zeigt die Gruppe ihre Muskeln: Immer mehr Konsumenten werden dadurch direkt erreicht, etwa via TikTok, Instagram und YouTube. Das hybride Geschäftsmodell – auf der einen Seite der klassische Vertrieb, auf der anderen Seite Performance-Marketing – hat das Wachstum angekurbelt, das mit dem Börsengang nun weiter beschleunigt werden soll. Im Vorjahr betrug der Umsatz laut Prognose 1,7 Millionen Euro und soll heuer schon auf 3,5 Millionen steigen. Die Firma wurde bereits im Herbst 2025 vorsorglich in eine AG umgewandelt; die Kölner 5W Tech Ventures ist mit einem Anteil von knapp 34 Prozent größter Anteilseigner, die beiden Mitgründer Diyar Acar und Dilxwaz Acar halten jeweils rund um die 30 Prozent. Im Marketing setzt das Unternehmen jetzt auch auf prominente Namen aus dem deutschen Fußball, unter anderem auf Deniz Undav – der Stürmer des VfB Stuttgart wirbt auf YouTube und anderen Kanälen. Und auch Diyar Acar selbst ist nicht nur als Fußballer aktiv, sondern hat auf Social Media eine Reichweite von mehr als zwei Millionen Followern – eine Zahl, die nach einem IPO noch wachsen könnte.