Mit der heurigen Ausgabe der Watches and Wonders bestätigte Genf endgültig seinen Status als alleinige Welthauptstadt der Uhrmacherei: Ausstellerrekord, Besucherrekord. Dementsprechend bewies dieses Hochamt der Haute Horlogerie, diese Leistungsschau, einmal mehr: Die mechanische Uhr ist mehr als ein schnödes Tool, das der Zeitangabe dient. Sie ist ein Statussymbol, ein Statement, ein Kunstwerk – und als solches nicht selten emotional aufgeladen.

Wie Tag und Nacht

Ein leuchtendes Beispiel – und das im wahrsten Sinne des Wortes – lieferte IWC Schaffhausen mit der Big Pilot’s Watch Perpetual Calendar Ceralume. Dieses Modell repräsentiert nicht einfach nur eine handwerkliche Meisterleistung – es ist eine philosophische Aussage darüber, wie zeitgenössische Uhrmacherei die Grenzen zwischen Innovation und Tradition neu definiert. Fasziniert die 46,5-Millimeter-Uhr bei Tageslicht mit subtilen Weiß- und Grautönen und dem Wechselspiel der Oberflächen, kommt ihr Glanz bei Dunkelheit voll zur Geltung. Dann transformiert sie sich grundlegend und strahlt in einem faszinierenden Blauton für mehr als 24 Stunden. Sie ist dem Vernehmen nach die hellste Uhr der Welt.

Möglich ist dies durch den Einsatz der hauseigenen Ceralume-Technologie, einer speziellen Keramik, die mit Super-
Luminova-Leuchtmasse, die man sonst nur von den Leuchtziffern kennt, „vermischt“ wurde. Man hat jedenfalls den Eindruck, als ob man es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Modellen zu tun hätte. Fast könnte man dabei übersehen, dass auch die inneren Werte des Zeitmessers ein Highlight sind. Denn man hat der Pilotenuhr eine der anspruchsvollsten Komplikationen der Uhrmacherei verpasst, den ewigen Kalender, der in den 1980er-Jahren von Kurt Klaus für IWC entwickelt wurde. Das Faszinierende daran: Die Uhr antizipiert die unterschiedlichen Monatslängen, korrigiert automatisch den Schalttag und zeigt diesen alle 577,5 Jahre fehlerfrei an – eine Präzision, die fast metaphysisch wirkt.

Leuchtendes Beispiel: IWC Schaffhausen vertreibt mit der Big Pilot's Watch Perpetual Calendar Ceralume dunkle Stunden.
Leuchtendes Beispiel: IWC Schaffhausen vertreibt mit der Big Pilot's Watch Perpetual Calendar Ceralume dunkle Stunden. Hersteller, IWC

Leicht und hart im Nehmen

Bei Norqain wiederum zeigt sich ein aktueller Megatrend, dem zahlreiche Hersteller folgen: die Skelettierung. Es ist dies die Kunst des Weglassens, reduce to the max, könnte man sagen. Dabei geht es darum, so viel Material wie möglich vom Uhrwerk wegzunehmen, ohne dessen Funktionalität zu gefährden. Die Wild One Skeleton Chrono Turquoise kombiniert diese Skills aber zusätzlich mit einem Flyback-Chronografenwerk (eine Eigenentwicklung) in einem Gehäuse aus dem Werkstoff Norteq (ebenfalls eine Eigenentwicklung). Das macht die Uhr ultraleicht – ein Eindruck, der durch schwebende, transparente Scheiben, die bei den Hilfszifferblättern zum Einsatz kommen, noch verstärkt wird. Dank eines Dämpfers aus Kautschuk, ebenfalls eine Spezialität des Hauses, ist die Uhr außerdem alltagstauglich und macht auch sportliche Strapazen mit.

2026 steht für Rolex ganz im Zeichen des hundertjährigen Jubiläums der Oyster. Die Perpetual Datejust 41 in Rolesor mit grünem Ombré-Zifferblatt feiert das mit einem noblen Outfit.
2026 steht für Rolex ganz im Zeichen des hundertjährigen Jubiläums der Oyster. Die Perpetual Datejust 41 in Rolesor mit grünem Ombré-Zifferblatt feiert das mit einem noblen Outfit. Hersteller, Rolex

Noblesse oblige

Rolex feiert heuer die ersten 100 Jahre seiner ikonischen Oyster. Dementsprechend gespannt war man, was die bekannteste Uhrenmarke der Welt zeigen würde. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Es gab neben einer neuen Yacht Master und einer Daytona mit Emaille-Zifferblatt auch eine grafisch interessante Variante der Oyster Perpetual 36.

Ganz der Noblesse der Marke entsprechend, kommt dagegen die Rolex Oyster Perpetual Datejust 41 in Rolesor mit grünem Ombré-Zifferblatt daher. Sie feiert das 100-jährige Jubiläum mit bemerkenswerter Zurückhaltung und gleichzeitiger technischer Raffinesse: Die Farbgebung erfolgt bei dieser neuen Version der Datejust 41 vollständig per Lackierung. So wird der Grund dieses neuen Zifferblatts durch Auftragen von grünem Lack hergestellt, der Dégradé-Effekt wird durch konzentrisches Aufsprühen von schwarzem Lack erzeugt. Werkseitig ist der Zeitmesser mit dem Kaliber 3235 ausgestattet, das die von Rolex gewohnten Qualitätsmerkmale mitbringt: Es wartet mit Spitzenwerten auf, was Präzision, Gangreserve, Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern und Erschütterungen, Einstellkomfort und – vor allem – Zuverlässigkeit angeht.

Norqain setzt auf Frauenpower für die Wild One Skeleton Chrono Turquoise: Der markante Zeitmesser in Leichtbauweise hält locker die Strapazen eines Fußballspiels durch.
Norqain setzt auf Frauenpower für die Wild One Skeleton Chrono Turquoise: Der markante Zeitmesser in Leichtbauweise hält locker die Strapazen eines Fußballspiels durch. Hersteller, Norqain

Form und Funktion

Jubiliert wird auch bei Patek Philippe: Die Nautilus darf heuer 50 Kerzen auf der Geburtstagstorte ausblasen. Während dieses Modell unbestritten eine Ikone ist, ist die bei ihrer Einführung viel diskutierte Cubitus auf dem besten Weg dorthin. Um das zu unterstreichen, verpasst die Ausnahmemanufaktur dieser Modelllinie ihre erste Grande Complication. Und so präsentiert sich die Cubitus Perpetual Calendar Skeleton Referenz 5840P-001 in einem 45-Millimeter-Platingehäuse mit dem vollständig skelettierten Kaliber 28-28 Q SQU. Wobei die charakteristische Rippenstruktur der Cubitus mittels Laserschnitt durchbrochen wurde, um das Werk freizulegen. Was sofort ins Auge fällt: Anstatt ein bestehendes rundes Kaliber unverändert zu übernehmen, hat Patek Philippe dieses Uhrwerk auf die spezielle quadratische Geometrie des Gehäuses abgestimmt, was zu einem Layout führt, das Symmetrie und Sichtbarkeit in den Vordergrund stellt. Beispielsweise folgen die Brücken nun dem Silhouettenverlauf des Gehäuses.

Patek Philippe verpasst der Cubitus ein skelettiertes, an das quadratische Gehäuse bestens angepasstes Formwerk, abgerundet durch einen ewigen Kalender.
Patek Philippe verpasst der Cubitus ein skelettiertes, an das quadratische Gehäuse bestens angepasstes Formwerk, abgerundet durch einen ewigen Kalender. Hersteller, Patek Philippe

Eine große Single-Mond-Anzeige ersetzt die traditionelle Doppel-Mondscheibe. Der Mechanismus vollführt alle 29,53 Tage eine Umdrehung und nutzt übereinanderliegende Scheiben aus Glas, um optische Tiefe zu erzeugen. Zuvor war das
nur in limitierten Jubiläumsmodellen zu sehen, hier wird es in den Serieneinsatz übergeführt. Der ewige Kalender rundet das horologische Meisterstück ab.

Kunstwerk en miniature

Mit der Chopard L.U.C Quattro Spirit 25 Straw Marquetry Edition betreten wir das Reich der Métiers d‘Art – jener seltenen Handwerkskünste, die ein essenzieller Teil der Haute Horlogerie sind. Dementsprechend ist dieses Modell auf acht Stück limitiert. Es verbindet Chopards berühmte springende Stunde mit handgefertigten Marqueterie-Zifferblättern, auf denen Stroh aus Burgund Stück für Stück zu einem Honigwabenmotiv zusammengesetzt wurde: Roggenstrohhalme werden mit einem Fingernagel einzeln gespalten, flach gedrückt und dann mit chirurgischer Präzision mit Skalpellen in Sechsecke geschnitten, um anschließend von Hand in das Honigwabenmuster zusammengefügt zu werden. So wird jede Uhr zu einem echten Unikat. Das mechanische Herz des Zeitmessers kann sich ebenfalls sehen lassen: Das Kaliber L.U.C 98.06-L hat vier übereinandergestapelte Federhäuser, wodurch eine sagenhafte 192-Stunden-Gangautonomie erzielt wird.

Kontrast und Licht: Die Leica ZM 1 Monochrom spiegelt die grundlegenden Prinzipien der Schwarz-Weiß-Fotografie wider.
Kontrast und Licht: Die Leica ZM 1 Monochrom spiegelt die grundlegenden Prinzipien der Schwarz-Weiß-Fotografie wider. Hersteller, Leica

Mit 65 ausstellenden Herstellern war die Watches and Wonders so groß wie nie zuvor. Und doch hätte man wohl noch Platz für die eine oder andere Uhrenmarke. Vielleicht Leica? Eine Uhr wie die Leica ZM 1 Monochrom würde ganz gut in die Hallen der Palexpo in Genf passen. Inspiriert von der ikonischen M-Monochrom-Kamera, spiegelt dieser Zeitmesser die grundlegenden Prinzipien der Schwarz-Weiß-Fotografie wider: Kontrast und Licht. Mit ihrer vollständig schwarzen Farbgebung (bis auf den roten Leica-Punkt natürlich) verkörpert diese Uhr, in der ein von Lehmann entwickeltes Handaufzugswerk tickt, die minimalistische Markenkultur Leicas.