Wie Autos morgen mobil machen
Sir Alec Issigonis revolutionierte mit dem Mini die Fortbewegung. Wer heute Ähnliches vollbringt, wird deshalb mit einer Issigonis Trophy geehrt. 2025 wurde sie an Ho Sung Song verliehen. Der Südkoreaner entwickelte nicht nur die Marke Kia neu, sondern auch gleich die Mobilität der Zukunft. Text: Stefan Schatz
Es war eine Randnotiz, die außerhalb Koreas kaum wahrgenommen wurde. Erstens, weil die Welt im Jahr 2020 wegen Corona ganz andere Sorgen hatte, und zweitens, weil Ho Sung Song sein ganzes Arbeitsleben schon bei der Hyundai Motor Group verbracht hat. Seit 1988 kletterte er die Karriereleiter dort konsequent nach oben. Eine wirkliche Überraschung war es also nicht, als der damals 58-Jährige zum Präsidenten der Hyundai-Tochter Kia ernannt wurde. Dass er den einstigen Billiganbieter in wenigen Jahren zum Vorreiter der Elektromobilität mit höchstem Qualitätsanspruch formen würde, konnte schließlich keiner ahnen. Schon gar nicht, dass er mit dem von ihm geleiteten Unternehmen die Zukunft der Mobilität wesentlich beeinflussen sollte.
Aber der Reihe nach. Für größeres Aufsehen sorgte der fließend Französisch sprechende Europa-Fan erstmals im Frühjahr 2021: Er strich nicht nur den Zusatz „Motors“ – der Kia seit drei Jahrzehnten begleitete – aus dem Firmennamen, er ließ auch die Marke samt Schriftzug neu entwickeln. Was vor allem in der Automobilbranche ein ebenso mutiger wie spektakulärer Schritt ist. „Ein Automobilhersteller ist nicht mehr nur ein Unternehmen, das Autos herstellt. Ein Auto wird bald zu einem mobilen Gerät, das sich selbst bewegt und drahtlos mit anderen Autos, Häusern und Arbeitsplätzen verbunden ist. Kia Motors gibt nicht genug von unserer Identität preis“, erklärte Song der koreanischen Presse. Und kündigte an, sein Unternehmen werde sich als Vorreiter der Mobilität der Zukunft neu erfinden.
Eine mutige Ansage: Zwar hatte Kia damals mit Modellen wie Ceed und Sportage schon ebenso zuverlässige wie alltagstaugliche und hochqualitativ ausgestattete Bestseller in den europäischen Autohäusern stehen – aber innovative Zukunftstreiber? Einen solchen schickten die Südkoreaner im Oktober 2021 nach Europa. Der schlicht EV6 genannte Crossover mit Elektroantrieb kam mit 800-Volt-Schnell-ladetechnik, gewaltiger Reichweite und bis zu 585 PS in den Schauraum. In nur fünf Minuten konnten bis zu 100 Kilometer Reichweite geladen werden, dazu gab es vom fernbedienbaren Parkassistenten bis zum Querverkehrswarner alles an Assistenzsystemen, die Oberklassefahrzeuge so bequem und sicher machen. Zudem war die Inneneinrichtung vegan, vieles wiederverwertet und der Rest recycelbar. Als kostenloses Extra kam noch eine Werksgarantie von sieben Jahren auf Fahrzeug und Batterie dazu. Logische Folge: 2022 wurde der EV6 mit dem European Car of the Year ausgezeichnet – als erstes koreanisches Fahrzeug überhaupt.
Spätestens jetzt wusste die Branche: Ho Sung Song mag vielleicht privat ein lustiger Kerl sein – im Beruf aber scherzt er nie. Als er zwei Jahre später mit dem ultraschicken EV9 Kia endgültig in der automobilen Oberklasse etablierte, verging auch der Konkurrenz das Lachen. Der mächtige SUV mit drehbaren Sitzen im Fond wurde zum World Car of the Year 2024 gewählt, mit dem Red Dot Design Award als „Best of the Best“ ausgezeichnet, dazu gab es „Goldene Lenkräder“, Awards für Familientauglichkeit, sogar zum Frauenauto des Jahres wurde er gekürt.

Mobile Disruption
Sich auf Lorbeeren auszuruhen, mag eine römische (Un-)Tugend gewesen sein, in Korea ist sie jedenfalls unbekannt. Deshalb ging es in atemberaubenden Tempo weiter. Es folgten die EV3 und 4, mit dem schon als seriennahes Konzept vorgestellten Kleinwagen EV2 steht 2026 die Disruption urbaner Mobilität vor der Tür. Bei der Präsentation der Studie wurden Features wie fast bis zum Kofferraum verschiebbare Vordersitze gezeigt. Zusammen mit den einklappbaren Rücksitzen und dem planen Boden verwandeln sie das Auto ruckzuck in eine für allerhand mobilitätsfremde Zwecke geeignete Räumlichkeit mit hoher Aufenthaltsqualität, wie das im stadtplanerischen Neusprech heißt.
Ein Ende des Innovationsfeuerwerks ist nicht absehbar. Denn: Kia hat einen Plan, der in asiatischer Bescheidenheit schlicht mit „S“ betitelt ist. Darin ist fein säuberlich ausformuliert, wo Kia hinwill. Drei Säulen dienen als strategische Fundamente, deren Überschriften in der englischen Übersetzung allerdings jeweils mit einem „P“ beginnen. „Planet“ steht für den Anspruch, in ökologischen und sozialen Belangen weltweit die Führung zu erobern, „People“ für das Ziel, höchsten Nutzwert für Konsumenten zu liefern, und das dritte P für „Profit“, was keiner näheren Erklärung bedarf. In CSR-Belangen hat man jedenfalls mit veganen Innenräumen, ökodesignten Produktionsstätten und dem Fokus auf E-Mobilität schon Meilensteine gesetzt. Auch beim „Profit“ ist man trotz chinesischer Billigkonkurrenz, Trump’scher Zollattacken und restriktiver Mobilitätshürden in Europas urbanen Zentren auf Kurs: Tatsächlich ist seit Ho Sung Songs Amtsantritt in jedem Geschäftsbericht von neuen Rekorden und „dem besten Jahr in der Unternehmensgeschichte“ zu lesen. 2024 wurden fast 3,1 Millionen Fahrzeuge verkauft, 64,5 Milliarden Euro umgesetzt und 5,87 Milliarden Euro Gewinn erzielt. Allein die Gewinnmarge von elf Prozent lässt europäischen Konkurrenten salzige Tränen über die von Absatzkrisen geschmälerten Wangen kullern. Zumal Ho Sung Song seinen Aktionären weitere Gewinnzuwächse verspricht.

Revolution rollt an
Bleibt noch die Sache mit dem Kundennutzen. Was anderswo eine oft inhaltsleere Marketingfloskel ist, umschreibt bei Kia nicht weniger als die Zukunft der Mobilität. Nicht nur, weil man trotz aller Diskussionen und Interventionen unbeirrt an der Elektromobilität festhält, sondern auch in Europa in Ladeinfrastruktur investiert, sich an Sharing-Modellen beteiligt und sogar Wallboxes für den Privatgebrauch bietet. Dazu kommen Mobility-Lösungen, die etwa bereits in Italien ausgerollt wurden. In Asien beteiligte man sich an „Grab“, einem kontinental dominanten Fahrvermittler (ähnlich Uber), der zudem Essen liefert und Zahlungslösungen offeriert. In Indien wurde das Experiment mit einem lokalen Anbieter am riesigen Subkontinent wiederholt. Damit ergeben sich auch für den Verkauf neue Modelle, wie etwa Auto-Abos oder Subskriptionsaktionen für Unternehmen.
Der eigentliche Wachstumstreiber soll aber eine völlig neue Art von Automobil sein, die Kia mit dem PV5 zuletzt auch in Österreich vorstellte. Es sind sogenannte PBVs, Purpose Built Vehicles. Diese Kleinbusse oder Kleintransporter eröffnen neue Dimensionen in der Konfiguration: Wie in einem Möbelgeschäft kann man sich die Inneneinrichtung und benötigte Module von Sitzreihen bis Ladeflächen individuell selbst zusammenstellen. „Die meisten derzeit verkauften Fahrzeuge erfüllen nicht vollständig die Mobilitätsanforderungen der Kunden“, zeigt sich Ho Sung Song gegenüber der Fachpresse überzeugt. Als Beispiel nennt er Lieferdienste, die Autos für ihre Zwecke erst adaptieren müssten. Diese Rolle könne Kia übernehmen: „Man kann einen fahrenden Drogeriemarkt, eine Buchhandlung oder ein Restaurant haben. Wenn die Selbstfahrtechnologie hinzukommt, wird der PBV-Markt explodieren.“ Eine Million solcher Fahrzeuge sollte laut Kia-Chef im Jahr 2030 schon weltweit nachgefragt werden.
Wer kein PBV braucht, wird in anderen Kia-Modellen mit speziellen Services belohnt. Schon jetzt haben die Oberklasse-EVs KI-Module integriert, die auf Wunsch Extravorschläge entlang von Routen machen oder, wie von ChatGPT bekannt, auf allgemeine Fragen Auskunft geben. Dazu kommt eine App, die das Handy zum Auto-Kontrollzentrum macht, sogar das ticketlose Nutzen von Parkgaragen wäre damit möglich. Und während man in Deutschland über teure Abomodelle für Features wie Sitzheizungen sinniert, liefert Kia die jeweils aktuellste Software für alle gebotenen Services ganz unkompliziert via Satellitentransfer automatisch und kostenlos ins Fahrzeug.
Fast im Monatsrhythmus kommen neue Ideen, wie man Mobilität angenehmer macht. Das gelingt, weil sich Kia für eine Strategie entschied, die schon Apple groß machte. Man öffnet sich für Fremdfirmen aus anderen Branchen, wie etwa den Elektronikriesen Samsung oder hoch spezialisierte Softwarehäuser: Kia ist dadurch schneller und vermeidet teure Eigenentwicklungen mit vielleicht peinlichen Schwachstellen. Kunden profitieren von den allerneuesten Entwicklungen und tiefem Know-how, für manchen Drittanbieter funktioniert der südkoreanische Autoriese auch als Growth Hack. Also eine Win-win-win-Situation. Apropos Gewinner: Ho Sung Song wurde jetzt auch in Großbritannien ganz offiziell zu einem solchen. Eines der weltweit bedeutsamsten Fachmagazine, das englische „Autocar“, verlieh ihm den global begehrten Issigonis Award. Weil, so die Begründung der Jury, der Kia-Chef entscheidend zur Entwicklung der Automobilindustrie beiträgt. Einziger Wermutstropfen: Dass auch Kias funkelnagelneuer EV3 zum besten Elektroauto des Jahres gekürt wurde, ging im südkoreanischen Jubel fast unter.